ADI DA SAMRAJ

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Geometrie und
„Sichtweise”


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DER KÜNSTLER ÜBER SEIN WERK:

DIE NICHT BEOBACHTBARE GESAMTHEIT DES LICHTS

von Adi Da Samraj

Meine Bildkunst lässt sich als paradoxer Raum bezeichnen, der die „Sichtweise“ unterminiert und dem Betrachter dadurch einen flüchtigen intuitiven Blick auf die transzendente Natur der Wirklichkeit ermöglicht, der  absolut jenseits und vor jeglicher „Sichtweise“ existiert.

Der Prozess meines Bildschaffens ist immer darauf ausgerichtet, die „Sichtweise“ zu transzendieren. Und wenn die so entstandenen Bilder entsprechend aufgenommen und betrachtet werden, sind sie für den Betrachter eine Gelegenheit, stillschweigend den vollkommen egolosen Zustand dessen zu fühlen, was wahrgenommen wird.

Wenn ich Bilder mache, schaffe ich „Raum“ für das, was jenseits und vor der „Sichtweise“ und dem Ego-„Ich“ existiert.

Der Prozess, in dem ich meine Bilder herstelle, bringt daher zwei grundlegende Elemente in einem komplexen Vorgang zusammen – das umfassende Element der Form und das Element grundlegenden Inhalts oder essentieller Bedeutung. Ich benutze einerseits ständig das Element der Form: Durch ein immer spontanes und freies Improvisieren gestalte ich genau und mit Bedacht den Aufbau meiner Bilder. Andererseits arbeite ich darauf hin, die charakteristische Bedeutung beizubehalten. Tatsächlich hat die Bedeutung immer den Vorrang. Nicht die formalen Aspekte als solche, sondern die Bedeutung ist letztlich das, worauf ich mich beziehe, wenn ich Bilder mache. Was ich mit den formalen Aspekten eines Bildes mache, muss daher immer die grundlegende Bedeutung beibehalten und vertiefen –unabhängig davon, wie abstrakt das Bild in der improvisierten Entstehung auch wird. Die Spannung zwischen der Bedeutung und der Form ist daher grundlegend für den ganzen Prozess, in dem ich meine Bilder herstelle.

Cézanne und andere Künstler und Kunstrichtungen nach ihm hatten die Idee, die Form eines Kunstwerks müsse von primären geometrischen Elementen ausgehen. Seit meiner Kindheit ist dies auch ein grundlegender Bestandteil meiner gestalterischen Entwicklung und zunehmenden Vertrautheit mit der Kunst. Wer den grundlegenden Prozess, durch den das Gehirn Wahrnehmungen entstehen lässt, zutiefst fühlt, kann auch verstehen, dass die grundlegende Konstruktion der natürlichen Welt als sinnlicher Erfahrung primäre Geometrie oder elementare Form ist – geradlinig, gebogen und eckig. Alles, was wahrgenommen wird, ist ein Zusammenspiel dieser drei grundlegenden Muster der Form. Die undurchschaubar komplexe Überschneidung von Kreisen, Quadraten und Dreiecken (oder von gebogenen, geradlinigen und eckigen geometrischen oder geometrisch angeordneten Formen) gestaltet und organisiert praktisch jede wahrnehmbare natürliche Form. 

Die natürliche Welt gestaltet und begrenzt sich von Natur aus selbst. Sie ist eine Kunstform, die spontan aus sich heraus entsteht. Sie gestaltet und erschafft sich durch die schöpferische Interaktion elementarer Kräfte und Strukturen. Aber die natürliche Welt ist so komplex in ihren Kombinationen grundlegender, gestaltgebender Kräfte und somit in ihrer elementaren Geometrie, dass die grundlegenden Elemente nur in einem allgemeinen Sinn bemerkt werden. Man kann aber durchaus intuitiv spüren, dass das, was in irgendeinem Moment wahrgenommen wird, elementare geometrische Strukturen aufweist, und die ganze augenscheinliche Komplexität folglich auf sehr einfachen primären Elementen beruht. In diesem Sinne demonstriert meine Bildkunst die natürlich wahrgenommene Welt als eine Vielfalt elementarer Geometrie.

Meine Bilder drücken aus, wie die Wirklichkeit letztlich ist – und auch, wie die Wirklichkeit im Rahmen natürlicher Wahrnehmung als Konstruktion aus primären Gestaltungselementen in Erscheinung tritt. Meine Bildkunst beruht daher weder auf einem „Subjekt“ noch auf einem „Objekt“. Die Bilder, die ich mache, stimmen vielmehr immer stillschweigend und vollkommen mit der Wirklichkeit überein – so, wie sie tatsächlich ist. Deshalb bezeichne ich den Prozess meiner Bildkunst als „Transzendentalen Realismus“.

Der lebendige Körper will von Natur aus eins sein mit der Grundsubstanz des Lebens. Der lebendige Körper will immer das Licht der vollkommenen Wirklichkeit in den „Raum“ lassen. Es ist daher meine Absicht, den Menschen mit meiner Bildkunst dabei zu helfen, diesen Impuls zu erfüllen.

Meine Bilder ermöglichen es dem, der sich ganz auf sie einlässt, das grundlegende Licht ausfindig zu machen – die Welt als Licht, alle Beziehungen als Licht, das natürlich wahrgenommene Licht als absolutes Licht.

Meine Bilder sollten dem, der sie voll auf sich wirken lässt, Tränen in die Augen treiben; sie sollten ihn wieder zum Lachen bringen und der ganzen Welt eine vollkommene Ausgeglichenheit und Gelassenheit vor Augen führen und schenken.

Wenn die „Sichtweise“ letztlich transzendiert wird, existiert kein getrenntes Selbst mehr, sondern nur die liebes-glückselige, strahlende Helle – grenzenlos gefühlt in formloser Freude.

Aus: Adi Da Samraj: Transcendental Realism, Middletown, The Dawn Horse Press, 2007.

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