ADI DA SAMRAJ

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Geometrie und
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GEOMETRIE UND „SICHTWEISE”

von Adi Da Samraj

Cézanne bemerkte einmal, der Aufbau von Bildern bestehe im Wesentlichen aus Zylindern, Kegeln und Kugeln, also aus runden, dreidimensionalen Formen. Obgleich dies seine Auffassung von Struktur war, drückte es nicht ganz die Art und Weise aus, wie er seine Bilder malte. Die Künstler der Moderne haben diese Aussage jedoch weitgehend übernommen und viele ihrer Bilder geometrisch aufgebaut. Aber es handelt sich dabei um ein formales Konzept, eine Fortführung der akademischen Tradition und ihrer Vorstellung vom Aufbau eines Bildes. Es beruht nicht auf einer Kenntnis der Wirklichkeit an sich.

Cézanne hat diese Bemerkung nur einmal gemacht, und er wollte damit nicht sagen, er setze seine Bilder buchstäblich aus Zylindern, Kegeln und Kugeln zusammen. Es war nur eine Bemerkung, die er in einem Brief machte und mit der er etwas darüber sagen wollte, wie man stillschweigend eine grundlegende Struktur aufbauen und sie dann ausfüllen könne. Es handelte sich nur um ein grundlegendes Formprinzip der akademischen Tradition.

Meine eigene Verwendung von Quadraten, Kreisen und Dreiecken – oder linearen, gebogenen und winkligen Formen – ist eine ganz andere Sache. Meine Kunst drückt das manifeste Dasein, die Struktur der vom Gehirn gesteuerten bewussten Wahrnehmung aus. Gleichzeitig drückt sie diese Realität auch im Rahmen der grobstofflichen, feinstofflichen und kausalen Natur des Menschen aus, wobei der grobstoffliche Aspekt durch die lineare Form (oder das Quadrat), der feinstoffliche Aspekt durch die gebogene Form (oder den Kreis) und der kausale Aspekt durch die winklige Form (oder das Dreieck) dargestellt wird. Es ist eine ganz andere Vorstellung, die aber auch an die Bemerkung von Cézanne erinnert, die so wichtig für die Künstler der Moderne war.

Als Kind habe ich regelmäßig die Fernseh-Sendung eines Kunstlehrers namens Jon Gnagy gesehen und besaß das Malwerkzeug, das man bei ihm bestellen konnte. Wenn Jon Gnagy ein Bild malte, zum Beispiel ein Haus im Wald an einem Fluss, fing er mit einigen elementaren Formen an und schattierte sie dann oder rundete sie ab. Indem er das Bild auf Geometrie aufbaute, hielt er sich an eine Methode, die in gewisser Weise von der modernen Kunst und besonders von Cézanne entwickelt wurde. Tradition, die in gewisser Weise der Stilrichtung Cézannes und der Moderne ähnelte. So lernte ich in der Tradition der Moderne und besonders Cézannes zu malen, ohne dass dabei Namen genannt wurden oder von moderner Kunst die Rede war. Es war ganz einfach Malunterricht. Aber diese Methode beruhte tatsächlich auf der Tradition der Moderne und auf Cézannes Bemerkung, obwohl Cézanne selbst solche Formen in seinen Bildern nicht benutzt hat. Er sprach lediglich davon, wie man sich (aus akademischer Sicht) die Gestaltung eines Bildes in etwa erklären könnte.

Im Unterschied zu den Impressionisten war Cézanne nicht nur an Farben interessiert. Er wollte Struktur in seine Bilder hineinbringen, eine Struktur, die nicht auf Linien, sondern auf Farben aufbaute und nicht flächig, sondern dreidimensional wirkte. Seine Bilder spiegeln viele verschiedene „Sichtweisen“ oder „Perspektiven“. Er bezog jeden Tag eine andere Position, sah eine Schale mal von oben, mal von vorne usw. – und malte sie dann so, wie sie an dem Tag für ihn aussah. Er wollte herausfinden, was er sah. Dass er von verschiedenen “Blickwinkeln” aus sah, lag nicht daran, dass er den Versuch der Moderne gekannt hätte, die Perspektive zu transzendieren. Cézanne war Realist. Er bewegte sich ganz einfach körperlich im Raum umher. Manchmal wurden seine Früchte überreif und faulten, dann malte er einfach einen Topf mit verfaulten Früchten, und zwar von einer anderen Stelle aus. Er hat ihn sicher so gesehen, wie er im Moment vor ihm stand. Dies war der „Grund“, warum er seine „Perspektive“ wechselte, während ein Maler der Moderne vorsätzlich seine „Sichtweise“ in Bezug auf die verschiedenen Teile des Bildes änderte.

In meiner eigenen künstlerischen Arbeit geht es mir darum, über die Position des Ego (oder der „Sichtweise“) insgesamt hinauszugehen. Während etwas von dem Dialog der Moderne, der von Cézanne initiiert wurde, auch Eingang in mein Bildschaffen fand, so muss man für eine ernsthafte Einschätzung meiner Kunst doch sehen, wie weit der Unterschied wirklich geht und was das Besondere an meiner Arbeitsweise ist. Ich will damit Folgendes sagen: Nicht „Sichtweise“ oder „Perspektive“, nicht ein „Punkt“ in Raum und Zeit, sondern die Wirklichkeit an sich ist die Grundlage für die Bilder, die ich schaffe, die Grundlage für den gesamten Prozess des Bildschaffens, den ich entwickele. Es geht nicht um einen „Blickpunkt“, wie wenn ich zum Beispiel einen Mittelpunkt festlege und mit dem Zirkel einen Kreis um ihn schlage oder den Kreisumfang mit Hilfe der Zahl Pi berechne. Würde die natürliche Welt von der Berechnung von Kreisen anhand von Pi als Maß abhängen, wäre sie nie zustande gekommen! Sie wäre jetzt gar nicht vorhanden, denn Pi ist keine wirklich definierbare Zahl.

Wenn das so ist, wie geschieht dann alles? Das manifeste Dasein ordnet sich von selbst in Kugelform, aber nicht von dem „Punkt“ aus, von dem aus man es sieht, sondern von der Gesamtheit des Geschehens aus. Das ist die „Position“, von der aus der Prozess meines Bildschaffens stattfindet. Deshalb nenne ich es „nicht-subjektive“ oder „subjekt-lose“ Bildkunst. Es ist Kunst ohne „Sichtweise“, nicht bloß Kunst mit vielfacher „Sichtweise“ – wie auch immer sie aussehen und sich auf die normale Wahrnehmung beziehen mag. Natürlich gibt es eine gewisse Verbindung zur normalen Wahrnehmung –  aber prinzipiell ist es Kunst ohne Ego, ohne „Sichtweise“.

Dennoch spiele ich in meiner Bildkunst auch mit der „Sichtweise“. Ich halte ihr einen Spiegel vor und enthülle die überwältigende Kraft der Wirklichkeit im Kontrast zur Wahrnehmung von einem „Blickpunkt“ aus. Meine Bilder sind voll von Bedeutungen und visuellen Besonderheiten, aber nicht etwa deshalb, weil ich Kreise oder Kugeln um einen „Blickpunkt“ herum erschaffe. Meine Bilder zeigen, wie sich die Wirklichkeit selbst aus sich heraus kugelförmig gestaltet – immer schon vor jeglicher „Sichtweise“, vor jeglichem „Mittelpunkt“, von dem aus man sie anschauen oder erzeugen könnte.

Das Ego lebt in dem Wahn, die Welt formiere sich irgendwie von der Stelle aus, wo es sich selbst befindet, oder werde ihm dort gezeigt. Das legt die Vorstellung nahe, der Mensch sei das Maß der Wirklichkeit und sei dazu bestimmt, über sie zu herrschen. Tatsächlich erzeugt sie sich jedoch aus sich heraus, jenseits und vor jeder „Sichtweise“, vor jeder Kontrolle und Trennung. Man könnte sagen, meine Kunst  sei „Wirklichkeits-Kunst“ oder (wie ich sie nenne) „Transzendentaler Realismus“, also nicht der Realismus der konventionellen Wahrnehmung, mit dem sich zum Beispiel Cézanne befasste.

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