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Aus der Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung
Transzendentaler Realismus: Die Kunst von Adi Da Samraj   

52. Biennale von Venedig
9. Juni 2007
Achille Bonito Oliva, Kurator

Als ich die Bilder von Adi Da Samraj zum ersten Mal sah, wurde mir klar, dass ich es nicht bloß mit einem Kunstprodukt (oder technischen Ausdrucksmittel) zu tun hatte, sondern mit dem Ergebnis einer kreativen Erfahrung, die eine neue Wahrnehmung der Wirklichkeit im Betrachter hervorrufen sollte.

Wir sind daran gewöhnt, die Kunst des 20. Jahrhunderts in Schulen oder Gruppen von Künstlern einzuteilen. Wir reden von Objektivität und Subjektivität. Die einen Künstler drücken sich durch unpersönliche, neutrale Formen aus, die anderen wollen ihre eigene Identität dokumentieren und ausdrücken.

Als ich Adi Da Samrajs Werke betrachtete, fühlte ich mich seltsam heiter. Ich fühlte mich mit Werken konfrontiert, die mich nicht einfach nur sprachlos, sondern regelrecht gedankenlos machten, sodass mich die gewohnte Gewandtheit des international anerkannten Kunstkritikers im Stich ließ! Ich denke, Kunst sollte immer überraschen. Sie muss – selbst im Kritiker – nicht nur Emotionen, sondern ein grundlegendes Gefühl von Unsicherheit erzeugen. Wenn man Adi Da Samrajs Kunst betrachtet, kann man leicht an „Pop-Kunst“, „optische Kunst“ und alle möglichen linguistischen, ethnologischen und ikonografischen Bezüge denken – aber am Ende ist das Werk immer eine Überraschung.

Die Beziehung, die ich zum Werk von Adi Da gewann, ist einzigartig, denn ich begegnete nicht einfach nur einem neuen, sehr persönlichen, ikonografischen Universum, sondern Bildern, die in mir eine Empfindung weckten, die sich am besten mit dem griechischen Wort `Epiphanie´ (göttliche Erscheinung) ausdrücken lässt. Sein Bildwerk ist eine Epiphanie in dem Sinne, dass es weder objektiv noch subjektiv ist. Es gehört weder zur Welt der künstlerischen Suche des 20. Jahrhunderts, jenem ganzen Kanon optischen Experimentierens, der in den fünfziger und sechziger Jahren entwickelt wurde, noch zu den expressionistischen Werken, deren Künstler in der Regel Identität und Subjektivität darstellen wollen.

Die Bilder von Adi Da Samraj sind vor allem eine Synthese aus Materie und Energie, aus Abstraktion und Figürlichkeit. Es ist ein Versuch, dem Betrachter die Wahrnehmung des schöpferischen Prozesses nahe zu bringen, aus dem das Bild hervorging. In jedem Bild führt das einzelne Element aus sich heraus zum nächsten Element. Das Bild ist daher frisch und vital. Es ist eine Energie, ein Atem, der die Ikonografie des Kunstwerks durchdringt und erstrahlen lässt.

Es ist interessant zu sehen, wie das Werk von Adi Da als eine visuelle, physische, geistige und spirituelle Realität auf den Betrachter wirkt. Adi Da kommuniziert die Wirklichkeit als Materie und als Spiritualität. Leonardo Da Vinci sagte: „Malen ist etwas Geistiges.“ Adi Da benutzt fotografische und digitale Mittel, um damit ein Abbild zu schaffen. Die monumentalen Werke der Ausstellung sind für den Betrachter ein Pfad der Erfahrung, eine kontemplative Wanderung.

Die westliche Metaphysik ist immer mit Mythos und Kultur verknüpft – mit Odysseus, griechischer Kultur, der Mythologie der römischen, griechischen und heidnischen Gottheiten. Die von Adi Da geschaffene Metaphysik drückt Spiritualität hingegen paradoxerweise in einer Sprache aus, die der„Konsumenten“-Sprache der Pop-Kunst ähnelt. Aber seine Kunst ist in keiner Weise „konsum-orientiert“. Es ist eine Kunst, mit deren Hilfe der Betrachter in die Wirklichkeit eindringt. Diese Sprache der Wirklichkeit ist keine oberflächliche Sprache; man könnte eher sagen, sie sei eine Sprache, die durch ihre Oberfläche in ihre Tiefe zieht.

Details sind in Adi Da Samrajs Kunst sehr wichtig. Seine Bilder lassen sich nicht einfach mit einem Blick erfassen. Man muss sich auf jedes Werk einlassen, es als eine Reise der Augen erleben. Adi Da Samrajs Kunst ist eine Epiphanie, die den Betrachter mit der Wirklichkeit in Verbindung bringt.

Adi Da schildert den Zustand der Dinge. Aber mit „Ding“ meine ich kein statisches Objekt oder lebloses Element, sondern einen Zustand, der keinen Überbau mehr hat, sondern sich mit dem Betrachter verbindet – dem Subjekt, der Welt, der Menschheit. Adi Da Samrajs Transzendentaler Realismus ist eine Form von Neohumanismus, der in der breiten Öffentlichkeit eine Beziehung zur Kunst erwecken will. Sowohl die abstrakten als auch die figürlichen ikonografischen Elemente sind immer erkennbar. Sie vermitteln daher ein Gefühl von „visueller Demokratie“. Sie machen es dem Betrachter möglich, einem ikonografischen Universum zu begegnen, in dem Adi Da der Meister ist, der dem erkennbaren „Alphabet“ der visuellen Wahrnehmung Zeichen und Bilder entnimmt, die im hohen Maße miteinander verbunden sind.

Adi Da Samrajs künstlerisches Werk ist ein Zeugnis dieser großartigen Erfahrung und vermittelt ein Wissen davon. Dem Betrachter wird die Möglichkeit gegeben, diese Erfahrung auf sich wirken zu lassen und sie zu fühlen. Er wird in eine Beziehung zu diesem Werk gezogen, und zwar sowohl physisch als auch psychisch. Ich glaube auch, dass Adi Da Samrajs Kunst in gewisser Weise fühlbar ist. Wenn man genau hinschaut, bemerkt man eine Arbeitsweise, die mikroskopisch genau analysiert; es gibt kleine Teile, die konturlos eingebettet sind, und die visuelle Oberfläche hat viele Ebenen emotionaler Tiefe.

Transzendentaler Realismus bedeutet profunde Realität und wirkliche Tiefe. Er bedeutet Materie und Spiritualität und daher das Transzendieren eines bloß sinnlich wahrgenommenen „Schaustücks“. Wenn jemand mich bittet, ein Werk von Adi Da zu beschreiben, ist mir das nicht möglich. Es ist ein Labyrinth, und wenn man es betritt, ist es vielleicht besser, es nicht wieder zu verlassen. Die Kunst von Adi Da ist spirituelle Nahrung, und wir sind hier, um sie zu feiern.

Ich wünsche Ihnen allen eine wundervolle Reise in die schöpferische Welt von Adi Da Samraj.


Achille Bonito Oliva ist ein international anerkannter Kunstkritiker, Kunstlehrer und Kunsthistoriker. Er hat viele Essays über Kunst verfasst und zahlreiche thematische und interdisziplinäre Ausstellungen in Italien und im Ausland kuratiert. Er war der Direktor der 39. und der 45. Biennale von Venedig.


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